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3.4.2020 - lag befürchtet: Traditionelle Rollenbilder verfestigen sich durch die Corona-Pandemie

Kein Unterricht mehr vor den Sommerferien? Niedersachsen stellt sich auf möglicherweise längere Zeiten der Schulschließungen ein. Wichtige Maßnahmen infolge der Corona-Pandemie verschärfen jedoch die Belastungen für Familien. Wer wird die zusätzlich erforderliche Betreuungs-, Lehrkräfte- und Sorgearbeit für Kinder leisten, wenn Schulen und Betreuungseinrichtungen noch wochenlang nicht öffnen können? Gleiches gilt für die Pflege von Familienangehörigen, wenn Tageseinrichtungen für ältere Menschen über einen längeren Zeitraum geschlossen sein sollten. Schon jetzt leisten Frauen durchschnittlich 1 ½ Stunden täglich mehr unbezahlte Arbeit als Männer. Hausarbeit, Kinderbetreuung und die Sorge um Ältere und Pflegebedürftige sind gesellschaftlich notwendige Aufgaben, die in erster Linie von ihnen erfüllt werden. Die traditionelle familiäre Arbeitsteilung führt für Frauen seit jeher zu erheblichen Nachteilen. Teilzeitarbeit, geringe Einkommen, oftmals keine eigenständige Existenzsicherung, niedrige Renten und Armut im Alter sind die Folgen.

Nun fordert die Corona-Krise einen deutlichen zeitlichen Zuwachs an familiärer Sorgearbeit. Die Landesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauen- und Gleichstellungsbüros Niedersachsen (lag) befürchtet, dass dieses "Mehr" ganz selbstverständlich von Frauen erwartet und überwiegend von ihnen geleistet wird. Damit diese Situation für Frauen nicht zu zusätzlichen negativen Konsequenzen für ihre Erwerbstätigkeit führt, ist es dringend erforderlich, dass sich Männer verstärkt in die unbezahlte familiäre Arbeit einbringen. Es wäre ein wünschenswerter Effekt, wenn Sorgearbeit jetzt neu verteilt wird und nicht allein zu Lasten von Frauen geht.

Besonders hart sind Alleinerziehende von geschlossenen Schulen und Kitas betroffen. Sie haben keine Wahl, innerfamiliär eine geschlechtergerechte Arbeitsteilung zu etablieren. Sie sind allein für das Funktionieren ihrer Familie verantwortlich. Zur Entlastung dieser Gruppe von Frauen fordert die lag, die Notbetreuung in Schulen und Kitas nicht nur für Elternteile in system-relevanten Berufen zu öffnen, sondern auch der Gruppe der berufstätigen Alleinerziehenden zur Verfügung zu stellen.

Für Berufe in der Pflege ist die Arbeitszeitverordnung aufgehoben. Die verlängerten Arbeitszeiten im Gesundheitswesen werden mit der Notfall-Kinderbetreuung nicht abgedeckt. Auch hier dürfen die Betroffenen nicht mit der Lösung des Problems allein gelassen werden. Es bedarf dringend einer Unterstützung dieser Eltern, die zusätzlich erforderliche Kinderbetreuung zu organisieren und zu finanzieren.

Viele Frauen sind derzeit in der Situation, einerseits ihre Kinder betreuen und parallel dazu den Klimmzug versuchen zu müssen, Homeoffice zu leisten. Realistisch betrachtet lässt sich feststellen: Beides zusammen geht nicht! Es hat in der Vergangenheit nicht funktioniert und wird auch in der Corona-Krise nicht funktionieren. Homeoffice zeitgleich mit der Betreuung von Kindern stellt hohe Anforderungen und kann nach Einschätzung der lag seitens der Arbeitgeber als Angebot gemacht, aber nicht für alle als verpflichtende Maßnahme eingefordert werden.

Mit Nachdruck weist die lag auch darauf hin, dass die Aufwertung von Frauenberufen jetzt absolute Priorität haben muss. Diese Forderung steht ja schon lange im Raum, hat aber nun eine ganz neue gesellschaftliche Bedeutung bekommen. Denn in der Krise hat sich gezeigt, worauf es wirklich ankommt. Die systemrelevanten Berufe sind in den Blick gerückt, diejenigen, ohne die es nicht mehr läuft. In diesem Berufen sind überwiegend Frauen tätig. Mehr als je zuvor ist es erforderlich, für bessere Arbeitsbedingungen und eine angemessene Bezahlung in diesem Berufen zu sorgen, fordert die lag.

Auch und gerade in der Corona-Krise lohnt es sich, auf die geschlechterspezifischen Zusammenhänge von politischen Entscheidungen zu schauen. Denn nur so kann festgestellt werden, ob sich die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern im derzeitigen Krisenmodus weiter verfestigen. Ministerin Dr. Carola Reimann hat zum Equal Pay Day Mitte März eine "gerechte Verteilung der Sorgearbeit zwischen Männern und Frauen" gefordert. Es ist Zeit, das umzusetzen – gerade in der Krise. 

Pressemitteilung als PDF zum Download


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